Es gab vor sehr vielen Monden eine Musikzeitschrift, die prägend für mindestens eine Generation von Musikhörern war. Eine Institution, die mit ihren Berichten und vor allem ihren Plattenkritiken über das Schicksal so mancher Platte entschied. Eine Redaktion Musikbegeisterter, die versuchte die Leser objektiv (soweit es geht) und gleichzeitig unterhaltsam durch den Dschungel der Neuveröffentlichungen zuführen. Nicht immer Trittsicher, wie sich im Nachhinein herausstellte. So manche besprochene und vielleicht sogar verrissene Platte mauserte sich im Laufe der Zeit zu einem Kultalbum. Der Verlag Zweittausendeins brachte die Plattenkritiken, des schon lang erloschenen Sterns am Musikzeitschriftenhimmel, als Sammelband heraus. Von 1966 bis 77 werden hier Plattenkritiken präsentiert, die bei erscheinen der jeweiligen Alben noch nicht den späteren Kultstatus erahnen konnten. Ein Paar der schönsten Kritiken möchte ich hier vorstellen. Allerdings sollte sich jeder selbst ein eigenes Urteil über das jeweilige Album machen. Auch Kritiker können mal einen schlechten Tag haben.
Black Sabbath Vertigo VO-6 Erstveröffentlichung: 13 Februar 1970 (ein Freitag)
"Eine von den vielen bösen englischen Gruppen, die eine Menge unverdauten harten Blues und schwere, tausendmal gehörte Gitarrenriffs in den Raum schmeißen, um die Teenager zum Schwitzen bringen. Das ist Black Sabbath. In der Richtung, die Black Sabbath einschlägt, ist so gut wie alles gesagt worden, was andere schon längst wiederholt haben. Ossie Osborne, ein Sänger ohne Kompetenz und Format, möchte gern Robert Plant und Mick Jagger gleichzeitig sein. Er, wie auch die übrigen drei Mitglieder von Black Sabbath, haben an Originalität nichts, an Plagiaten aber alles zu bieten. Solche Platten gehören in die Diskotheken, wo es auf musikalisch-ästhetische Werte ohnehin nicht ankommt." Autor: Rainer Blome
Wow, das ist hart, aber in irgendeiner Form kann ich das Urteil verstehen. Ozzys Stimme ist gewöhnungsbedürftig und nicht jedermanns Sache. Und auch das schleppende Anfangsriffing muss man mögen. Das wahrlich Düstere in der Musik war allerdings nicht zwingend neu. Led Zeppelin oder Arthur Brown lebten hier und da schon das Dunkle, Okkulte und Getragene in ihrer Musik aus. Black Sabbath trieben es nur auf die Spitze und schufen Gruselstimmung mit heruntergestimmten Gitarren. Das kann schon zum Generationenkonflikt führen. Die Beatles hatten es ja auch nicht so leicht bei der älteren Generation. Zur Verteidigung des Autors Rainer Blome sei gesagt, musikalisch kam er aus dem Jazz und lebte später eher in der Weltmusik und Reggae.
Am Ende haben Black Sabbath ja doch noch ihren Weg gemacht.
Neil Young – Harvest Reprise 44.131 - Erschienen am 01.02.1972
Spätestens seit AFTER THE GOLDRUSH ist Neil Young eine Kultfigur der amerikanischen Jugend geworden, die in seiner Musik die Artikulation der eigenen Probleme erblickt. Seine Lieder dokumentieren jene Geisteshaltung des isolierten und introvertierten Großstädters, der seine reale Situation mit der Verklemmung und Kommunikationsschwierigkeit durch den Traum von einer goldenen Zukunft zu ignorieren versucht. Hauptbestandteil dieser Massenutopie ist natürlich das Stück Land, das man „sein eigen“ nennen kann und wo man mit seiner „Maid“ in trauter Zweisamkeit ein unkompliziertes Leben führt. So alte Hüte wie des gegenseitigen Vertrauens, des Altwerdens und immer wieder die Reflexionen auf die eigene Person im Verhältnis zur Umwelt sind weitere Themen des Youngschen Repertoires.
Es soll hier nicht bestritten werden, dass Neil Young im Vergleich zum großen Heer der Songschreiber, die Fähigkeit besitzt, seine persönlichen Erfahrungen adäquat in Musik umzusetzen. Um aber seine Musik überhaupt ansatzweise erfassen zu können, bedarf es beim Hörer der gleichen emotionalen Voraussetzungen, mit anderen Worten: Man muss sich Romantik, Sentimentalität und einen guten Schuss Schwachsinn bewahrt haben. Für denjenigen, der sich nicht mehr in dieser naiv-glücklichen Lage befindet, ist HARVEST ein echter Langeweiler.
Neil Young wird zur Zeit von einer Gruppe namens Stray Gators begleitet, die im Vergleich zur früheren Begleitgruppe Crazy Horse aber kaum in Erscheinung treten kann – oder darf. Da die Stücke fast aussschließlich auf Youngs weiche und hohe Stimme und einfache Gitarrenbegleitung zugeschnitten sind, entsteht aufgrund der großen Ähnlichkeit nach mehrmaligem Hören das große Gähnen. Ausnahmen – allerdings keine rühmlichen – sind „A Man Needs A Maid“ und „There´s A World“, verziert mit bombastischen Orchesterarrangements von Jack Nitzsche, die dessen Anleihen bei Gershwin bezeugen. Allein „Words“ mit einer längeren Instrumentalpassage ragt aus dem sentimentalen Einerlei ein wenig hervor.
HARVEST liegt im Niveau noch unter AFTER THE GOLDRUSH und ist nur rührseligen Heimchen zu empfehlen.
Autor: Bernd Gockel
Harvest ist wohl das bekannteste Werk von Neil Young. Das Cover kennen sogar Leute, die mit Neil Young nichts anfangen können und spätestens wenn sein `Heart Of Gold´ wieder im Radio gespielt wird, weiß jeder: Das ist Neil Young. Das Album verkaufte sich wohl 7,4 Mio. mal. Am Ende muss ich trotz der Verkaufszahlen mit Bernd Gockel gehen - Mein Fall ist die Platte auch nicht.
Neil Young – After The Goldrush Reprise 6383 - Erschienen 1971
Deutschlands Kommerzmagazin für die Möchtegern-Jet-Set-jugend stellt Neil Young leider erst jetzt mit seiner dritten und schwächsten Solo-LP vor. Ein finanziell lohnendes Projekt, gewiss, nachdem Neil hierzulande über Crosby, Stills, Nash & Young populär geworden ist.
Was die „Twen“-Plattenbesprechung* als ungeheuren emotionalen Reichtum der Musik schmackhaft zu machen versucht, kann man ebenso gut als ziemlich aufdringliche Sentimentalität empfinden. Neil Youngs außergewöhnlich weiche, fast feminine Stimme erfordert einfach einen kontrastierenden musikalischen Hintergrund. Zumal die Texte gefühlsüberladen, bedeutungsschwer von Hoffnungen, Enttäuschungen etc. sind. Wenn dann die Instrumente den Gefühlscharakter des Gesangs noch unterstreichen, kann vielleicht der eine oder andere mit Tränen in den Augen mitsingen (das Sing-Along wird ja dem „Twen“-Leser in der Besprechung nahegelegt), aber das Anhören ist nicht jedermanns Sache.
Eigentlich erreicht nur „Southern Man“, das längste Stück des Albums, das musikalische Niveau, der ersten beiden Soloplatten. Es ist wirklich Schade für Neil Young, dass er gerade mit AFTER THE GOLDRUSH in Deutschland bekannt gemacht wird, nur weil seine Musik den Finanzleuten erst jetzt ein lohnender Verkaufsartikel zu sein scheint.
Autor: Michael Wallossek
Ernsthafte Verkaufszahlen konnte ich leider nicht finden, aber dieses Album bedeutete für Neil Young den Durchbruch in Deutschland.
Noch erfolgreicher war das 1972 veröffentlichte Album „HARVEST“. Hier wurden wohl weltweit 7,4 Millionen Tonträger verkauft. Mir erscheint die Zahl etwas zu niedrig, aber das ist etwas anderes. Zumindest ist es das Album, welches zuerst genannt wird, wenn es um Neil Young geht und das auch Leute kennen, die mit ihm ansonsten nicht sooo viel anfangen können. Auch da gibt es eine passende Kritik, aber die kommt erst das nächste Mal.
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*T *Twen ist ein deutsches Lifestyle-Magazin für junge Erwachsene, das 1959 erstmalig auf den Markt kam und im Mai 1971 eingestellt wurde. Mode, Musik, Urlaub, Sexualität und Partnerschaft waren die Hauptthemen. In Zusammenarbeit mit Philips wurden zur Zeitschrift TWEN passende Schallplatten mit eigenem Cover angeboten. Eine Serie von 72 LPs entstand, die heute einen gewissen Sammlerwert genießt.
The Rocky Horror Picture Show ODE 88 563 IT – Erschienen 1975
Was´n Glück, der Titel macht´s einem so leicht, denn dieses Musical ist nicht die Bohne rockig, sondern ein echter Horror. Fazit: Ein Grusical!
Autor: leider unbekannt
Es gibt vermutlich kaum ein Musical, welches einen derartigen Kultstatus besitzt. In Programmkinos wird der Film bis heute mit Klopapierrollen und Reiswürfen gefeiert. Keine Party ohne den `Time Warp´. Genau Verkaufszahlen konnte ich nicht finden, aber da man diese Platte in jeder gutsortierten Flohmarktkiste findet, dürften die Verkaufszahlen trotz der Kritik erstaunlich gewesen sein.
Deep Purple – Come Taste The Band Purple Rec. C 062-97 044 Erschienen 10.10.1975
Der Aufforderung, den Deep Purple-Verschnitt, Jahrgang 1975 zu kosten, haben wir, treu wie wir sind, Folge geleistet. Das Ergebnis: ein Höllen-Kater. Der nächsten Deep Purple-Fusel-Probe bitten wir doch ein Alka Seltzer beizulegen…
Autor unbekannt
Es ist das 10te Album in der nächsten Besetzung - auch Mark IV genannt. Das heißt, Tommy Bolin an der Gitarre, David Coverdale am Gesang, den Bass bedient Glen Hughes. Als Original Mitglieder sind noch Ian Paice und Jon Lord an Bord. Die Verkaufszahlen sind unbekannt. Das Album gilt bis heute als ein ungeliebtes Kind im Deep Purple Kanon. Allerdings ist das Album besser als sein Ruf. Wenn man sich von den vorgewesenen Deep Purple freimacht und Vergleiche zu älteren Glanztaten auslässt, dann kann man dieses Album durchaus für sich neuentdecken.
Jethro Tull – Aqualung Chrysalis ILPS 9145 Erstveröffentlicht: 19 März 1971
Auf diesem Album gibt Ian Anderson in neun Thesen seine (nicht mehr originelle) Meinung zum Thema Gott zum Besten. Aqualung ist die Bezeichnung für lesser men, die unterprivilegierten Menschen. Die Texte der elf Songs zu diesem Thema sind auf dem Innenumschlag abgedruckt. Während bisher die Musik Jethro Tull´s meines Erachtens von Album zu Album bedeutungsloser wurde, scheint mir Aqualung ziemlich gut gelungen zu sein. Das Auffälligste: Anderson gebraucht die Flöte nur noch sparsam bei einzelnen Stücken. Allgemein ist die Musik leiser geworden. Mehrere Stücke werden mit akustischer Gitarre und Tabla an Stelle des Schlagzeugs vorgetragen. Zwei Stücke haben Streicherarrangements. Neu dabei ist Bassist Jeffrey Hammond-Hammond.
Autor: Michael Wallossek
Die Rezensionen in den Musikzeitschriften waren wohl allgemein sehr gemischt. Trotzdem ist die Platte in etwa 7 Millionen mal über die Theken der Plattenläden gegangen und gilt als ein Klassiker der Rockgeschichte. Martin Barres Gitarrensolo in Aqualung wurde vor einigen Jahren vom Fachblatt Guitar unter die besten 25 Soli aller Zeiten gewählt.
Eine kleine Randnotiz: Jethro Tull sorgten unfreiwillig für Aufsehen, als Sie 1989 bei der Grammy-Verleihung als beste Hard-Rock/Metal-Performance ausgezeichnet wurden ... vor Metallica, die mit ...And Justice For All gerade der Welt zeigten, was Metal ist. Ian Anderson konnte im Übrigen diese Auszeichnung auch nicht ganz ernst nehmen, wie er einräumen musste.
Pink Floyd – Wish You Were Here Harvest C062-96 981 Erschienen am 12.09.1975
Um einiges Vorweg zu klären; 1. Mir gefällt das Cover. Ich bewundere zudem immer wieder die Popmusiker, die noch nicht einmal ihren Namen auf die Hülle zu drucken brauchen, und doch fallen die Leute wie irre über das Zeug her. Dies zeigt einen unglaublich hohen Grad von Vermarktung an. Man stelle sich das gleiche bei Büchern oder Rasierseife vor.
2. Und wenn mich alle für blöde halten: Ich habe DARK SIDE OF THE MOON immer wieder gehört. Mir hat der Sound spaß gemacht. Den alten Floyd-Tagen habe ich da weniger nachgetrauert. MOON ist 130 Wochen in den England-Charts – ohne größere Single-Erfolge.
3. If-The-Floyd-Do-It-Well-Dept.: Wenn die Floyd live gut sind, dann sind sie besser als 98 % der übrigen Mafia. Dann kann man zuweilen deren guten Geschmack bewundern. P.S. sie spielen zu selten gut.
Nach den Punkten 1. Bis 3. Bleibt zu sagen, dass WISH YOU WERE HERE schlechte Musik ist. Sie geht überhaupt nicht los, obwohl man auch bei langsamen Tempi abfahren kann. Hinter den unglaublichen Zwängen den Erfolg von DARK SIDE OF THE MOON wiederholen zu müssen, werden von Gilmour, Waters & Wright ständig Klischees hervorgeholt. Der biederste Tischler kann dagegen zwei perfekte und dennoch schöne Schränke bauen. Nick Mason, dem immer meine größte Aufmerksamkeit bei Pink Floyd galt, scheint in der Versenkung verschwunden zu sein. Wo ist Nick? Nur ein einziges Mal sind sie besser als früher – das ist die Stelle, wo sie die jeweils letzten beiden Zeilen von „Shine On You Crazy Diamond“ singen. Der Falsett-Gesang kann einen echt packen – wie in alten Tagen.
Die Einfallslosigkeit auf der ganzen Linie ist in jeder Sekunde präsent, zum Beispiel in den lustlos umhertapsenden Improvisationen, oft über uralten Akkordfolgen und einem desinteressierten Drummer. Glen Frey von den Eagles, sprach neulich die alte Binsenweisheit an, dass du als Rockmusiker 20 Jahre Zeit hast, dein erstes Album zusammenzukriegen, aber nur ein Jahr für das zweite, weil die Verträge dich auffordern, Erfolge zu wiederholen. Das Dilemma ist klar – aber lieber Glen, ihr wolltet doch alle Musiker sein und keine Tischler!
Autor: Karl Lippegaus
Gemausert hat sich das Album. Es wird mittlerweile unter den besten 500 Alben aller Zeiten vom Rolling Stone Magazin gelistet und wurde weltweit ca. 20 Millionen mal verkauft.
Status Quo – Quo Vertigo 6360106 von 1974 und Blue for You (Vertigo 6360128) von 1976
Zu Status Quo-Musik und ihrer neuen LP QUO nach viel zu sagen hieße Zeilen schinden. Die Musik ist genauso gut oder schlecht wie auf ihren vorherigen LPs. Simpler Boogie-Rock, tierisch laut gespielt, bei dem all die Kopfnick-Akrobaten voll auf ihre Kosten kommen. Erhebt sich lediglich die Frage, wie viele Platten lang Status Quo ihre zwei bis drei Riffs noch strapazieren wollen., ohne dass auch der letzte ihrer hartgesottenen Fans endgültig die Nase voll hat. (Jogi)
…
Es bleibt beim musikalischen Status quo ante, also beim vorherigen Zustand: Auf Blue For You, Ihrem 83. LP-Werk, machen Status Quo die gleiche Musik, die sie schon auf ihrer 29. und 37. Platte gemacht haben: Boogie, Boogie und nochmals Boogie! Die, die Band mögen – ich gehöre dazu – werden auch diese LP wieder mögen, und all die anderen, die sie nicht mögen, werden leider wieder etwas von „Teenybopper-Gewichse“ murmeln und abfällig die Nase rümpfen. Über diesen Status quo kann man nur traurig sein, aber da helfen Status Quo drüber hinweg… (Autor unbekannt)
PS. Ich mag die Band ja. Zumal auf der Quo der Slow Train seine Fahrt aufnimmt und mir ein verdammt gutes Gefühl für die nächsten 7.55 Minuten gibt.
Led Zeppelin - Presence 1976 Swan Song
Rec. SSK 59402-U
Ein Scheißgefühl muss das sein, wenn die Kreativität längst abgestorben ist, der Markt aber immer neue Produkte fordert, weil man eben als Superstar auf den höchsten Höhen der Popularität schwimmt.
Jimmy Page erzählte in jenem Interview, das vor einem Monat im SOUNDS erschien, vom Aufbruch zu neuen Horizonten und von magischen Momenten, von seinem Interesse für exotische Musikformen und mathematische Logik in der Musik. Mag sein, dass er die Fluchtwege, die sein Geist eingeschlagen hat, bewusst gar nicht überschaut, dass er den Hype-Nebel nicht mehr durchdringen kann, der um ihn, um Led Zep und um die soundsovielte angeblich grandiose Platte der Gruppe wallt. Auf der Flucht aber ist er, weil er als Musiker in einer Identitätskrise steckt. Das lässt sich mit wenig Spürsinn aus seinen Interview-Antworten herauslesen und schließlich mit erschreckender Deutlichkeit aus der neusten Zeppelin-LP heraushören. Die nämlich ist schlimmster Schund.
Page steckt keineswegs allein in einer Sackgasse; dem Rest der Band geht es auch nicht besser. Dass Led Zeppelin mal schweren, bluesnahen, vor Kraft strotzenden Rock gespielt hat, ist Geschichte, die man im Rock-Lexikon nachlesen und auf angestaubten, angekratzten Platten nachhören kann. In der Gegenwart bringen Gitarrist Page und Sänger Robert Plant nur noch banale, nichtssagende Ego-Trips hervor, klopfen Bassmann John Paul Jones und Drummer John Bonham stumpfsinnige, plumpe rhythmische Floskeln. Mit dem Album `Presence´ vermittelt Led Zeppelin keine emotionale Botschaft mehr und kann nicht mal mit der Ersatzbefriedigung, technischer Brillanz, dienen.
Die Band ist heruntergekommen zu einem Verschnitt von Uriah Heep und Deep Purple, und das tut weh, wenn man ein Stück wie `Whole Lotta Love´ mal sehr gemocht hat.
Es lohnt sich auch nicht, die Songs der neuen Platte einzeln unter die Lupe zu nehmen, denn einer ist so Konturlos wie der andere. Erwähnen sollte man höchstens, dass die Band auf der zweiten Plattenseite archaische Blues- und Rock`n´Roll-Formenaufgreift, und dass es da einige kurze Momente gibt, in denen die Musik den Zuhörer plötzlich wieder packt. Kurze Momente sind das, wohlgemerkt: vergilbte Fetzen einer alten Visitenkarte, oder – noch schlimmer – letzte Lebenszeichen. Autor Hermann Haring
Ca. 7,3 Millionen mal wurde das Album weltweit gekauft. Die Kritik muss man wohl im zeitlichen Kontext sehen und wirklich die vorherigen Glanztaten berücksichtigen. Ich mag die Platte. Besonders Achilles Last Stand ist immer wieder ein gern aufgelegter Klassiker bei mir.
Peter Frampton - Frampton comes alive! A&M SP-3703 1976
„Auch wenn ich den Verleger nie so richtig mochte, eines habe ich immer an ihm bewundert; seine unerschütterliche Abneigung gegen Pete `The Face´ Frampton! `Mittelmaß´ monologisierte er auch jetzt wieder angesichts der neuen LP einsam in seiner Direktions-Etage. Und wer ihn kennt, weiss, dass dieses Wort das Abwertendste ist, das ihm über die Lippen kommt. Da kann man doch mal wieder sehen, wie sehr man am Ball bleiben kann, auch wenn man gar nicht mehr mitspielt!
Nun ja. Damit komme ich auch schon zum eigentlichen Anliegen dieser Zeilen, denn auch ich finde diese Platte schwach, oder mittelmäßig. Wobei man nicht an der Feststellung vorbei kommt, dass das Mittelmaß in diesem Falle den Tod all dessen bedeutet, was uns einmal für diese Art von Musik einnahm. Hier wird, und das muss gesagt werden, soviel leeres Stroh gedroschen, hier spielt man so viele Füllselphrasen, dass es schlichtweg zum Kotzen ist. Dennoch fanden unsere englischen Kollegen teilweise soviel Gefallen daran, dass man sich zu Formulierungen wie `einer der besten Live-Mitschnitte´ verstieg. Nun, das mag Geschmackssache sein und ist auch immer schnell gesagt, aber viel weniger schnell bewiesen, wie wir alle wissen. Autor: Dr. Gonzo
Peter Frampton war Gitarrist unter anderem bei Humble Pie. Das Live Album ist nach mittelmäßigen Soloalben sein Durchbruch gewesen und wurde zu einem der Meistverkauften Live-Alben überhaupt. Zwischen 17 und 30 Millionen mal ging das Ding bis heute über die Ladentheke. Da ist man sich nicht ganz einig. 2020 wurde es sogar in die Grammy Hall of Fame aufgenommen. Bekannt wurde es vor allem für seinen exzessiven Talkbox-gebrauch. Man kann davon ausgehen, dass er die Rezension verkraften konnte bei einem Verkauf von etwa zig Millionen Tonträgern nur von diesem Album.
Eagles Hotel California Asylum AS 53 051
Ach, ein weiterer Million-Seller von Kaliforniens beliebten Sonnenschein-Rockern, den Eagles. Ein neues Album voll von süßen, sentimentalen Melodien, geradezu bemerkenswert perfekt produziert, mit vielen Gitarren und wirkungsvoll eingesetzten Streichern unfehlbar instrumentiert und natürlich makellos gesungen – Uuuhs und Aaaahs im Überfluss.
Don Henley´s narzißtischer Gesangsstil ist den Songs der Eagles nur zu angemessen: Souverän meistert er den Part des Leadsängers auf gleich fünf der acht Titel. Auch Glenn Frey gibt sich alle Mühe, es Don Henley an Larmoyanz in `New Kid In Town´ gleich zu tun.
Im Verlauf des Jahres wird die LP voraussichtlich wenigstens vier Singles liefern, nach meiner Schätzung außer `New Kid´ noch das wunderbar süffisante, im modischen Reggae-Chic gehaltene `Hotel California´, und warum nicht auch Randy Meisners `Try And Love Again´ oder `Life In The Fast Lane´, das immerhin in die Rock`n´Roll-Sparte fällt.
Wo wir gerade von Rock`n´Roll sprechen: Die Beiträge von Joe Walsh, neustes Eagles-Mitglied nach dem Ausscheiden von Bernie Leadon und von Don Felder, die doch beide im Ruf stehen (oder standen), mittelschwere Rocker zu sein, sind bemerkenswert gering. Gerockt wird nur auf `Victim Of Love´ und - wie erwähnt - `Life In The Fast Lane´. Allerdings wird elegant gerockt, straff durcharrangiert, und so richtig low down dirty and mean ist das natürlich nicht. Denn scharfe Ecken und Kanten gibt es in der Musik der Eagles bekanntlich keine, alles kommt rund und vollklingend daher, bisweilen seicht, bisweilen bombastisch, aber immer schön. Joe Walshs `Pretty Maids In A Row´, sanft in Eagles-Harmonien eingebettet, macht keine Ausnahme. Wer also wissen möchte, welchen Entwicklungsstand die anspruchsvolle Rock-Schnulze erreicht hat, sollte diese Platte keinesfalls versäumen. Autor Michael Schlüter
Das Album verkaufte sich bisher rund 26 Millionen – beeindruckend für eine seichte Rock-Platte.
Kiss Alive Casablanca C 188-97185/86 von 1976
"Hallo Kinder, hier meldet sich mal wieder der Bastelonkel in SOUNDS. Unser heutiger Beitrag heißt: KISS ALIVE! – ode wie stellt man aus einem Doppelalbum zwei flotte Frisby-Scheiben her. Also, man nehme einen gewöhnlichen Elektroherd, bestreiche seine beiden größten Platten mit etwas guter Butter (keine Margarine!) und stelle dann die Temperatur auf ca. 80 Grad. Sind die Kochplatten dann heiß, lege man vorsichtig auf jede eine der beiden Kiss-Platten. Es ist darauf zu achten, dass der Schallplattenrand überall gleichmäßig (ca. 1 bis 1, 5 cm) übersteht. Nach wenigen Minuten beginnen sich die Ränder langsam nach unten zu biegen. Jetzt ist´s soweit. Nehmt die beiden Kiss-Platten schnell runter und schreckt sie unter kaltem Wasser kurz ab. Verklebt noch die beiden Löcher in der Mitte, und fertig sind Eure Frisby-Scheiben. So, und nun viel Spaß bis zu unserem nächsten Beitrag `wie man aus Bay City Rollers Alben hübsche Kuchenuntersetzer machen kann…!“ Autor unbekannt
Anmerkung von mir: Und mit dieser Bewertung war SOUNDs nicht allein. Alan Niester vom Rolling Stone Magazin beurteilte die Musik der Band als "schrecklich, kriminell repetitiv, schrudding monoton ... und leicht unterhaltsam für etwa zehn Minuten"
Das Album verkaufte sich trotz der Kritik etwa 9 Millionen mal und gilt heute als ein Klassiker unter den Live-Alben.
Rolling Stones – Exile On Main Street – Rolling Stones Rec. 1972
Anfangen mit der Rückschau möchte ich mit einem Klassiker, der vom RollingStone Magazin regelmäßig unter die besten 10 Alben aller Zeiten gewählt wird, und doch bei erscheinen bei den Kritikern nicht ganz so gut davonkam. Zumindest in den Ohren von Hans-Jürgen Günther, der in der Zeitschrift Sounds folgendes zu berichten wusste:
"Für die Stones dürfte dieses Doppelalbum dem Tanz am Abgrund gleichkommen. Verlieren sie das Übergewicht, sprich sinken sie im Publikumsinteresse, so wird EXILE ON MAIN STREET nicht nur daran schuld sein, sondern sich auch als nach unten ziehendes Bleigewicht erweisen. Schaffen sie es dagegen, trotz dieses Albums noch einmal davon zu kommen, haben sie indes nicht mehr als eine Galgenfrist gewonnen. Ich will hier bewußt nicht die Frage anschneiden, ob es die Stones mit der politischen Aussage ihrer Texte ernst meinen. Die rein musikalische Situation der Gruppe ist nämlich schon traurig genug. Und das erscheint mir bei einer band, deren Musik – trotz des textlichen Inhalts – immer von ihrem Sound lebte, am wichtigsten.
Fast wäre es zu wünsche, dass sie sich zur Ruhe setzten, denn dieses Werk ist eine Katastrophe, gegen die selbst das weiße Doppelalbum der Beatles völlig verblasst. Mick Jagger und seine Mannen präsentieren sich als total abschlaffende und selbst abgeschlaffte Mannschaft von End-Zwanzigern und Anfang-Dreißigern, die einmal eine aufwühlende R&B-Musik zu spielen verstanden, nun aber reich, fett und substanzlos geworden sind. Alles, was früher ihren Sound so überzeugend aggressiv machte, erscheint jetzt deutlich als gewollt. Da ist nichts mehr von ehrlicher Schärfe und echtem Engagement zu spüren, dafür aber viel von tödlicher Studioroutine und dem Wissen, wie man eine Gitarre schmerzlich heulen lässt – nur dass keiner mehr den Schmerz so recht glauben kann.
Sie sind schon ein trauriger Haufen, der, unterstützt durch chamäleonartig wandelnde Studiomusiker, wie Nicky Hopkins (er ist noch am besten), Jim Price und Bobby Keys, sich vergebens abmüht, eine gehaltvolle Musik zu fabrizieren.
Indes beginnt das Dilemma bereits bei den Kompositionen. Jagger und Richards wirken ausgesprochen ausgebrannt und ideenlos. Ihren Songs fehlt fast durchweg die innere Überzeugungskraft. Sie wirken routiniert und automatenhaft zusammengesetztaus allerlei mehr oder minder brauchbaren Einzelheiten. So kommt man bestenfalls zu Songs, die für Diskotheken geeignet sind, aber nicht einmal das sind die meisten.
Den zahlreichen kompositorischen Mängeln gesellen sich interpretatorische Fehlleistungen eines Ausmaßes hinzu, wie sie beiden Stones bislang nun wahrlich unbekannt waren. Das fängt an bei Mick Jaggers Gesang, der ideenlos und oft sogar verkrampft wirkt. Jagger scheint eine gehörige Portion seines Feelings und seines Phrasierungsvermögens verloren zu haben. Wie sollte diese müde Gesangsvorstellung anders zu erklären sein. Aber auch Instrumental mangelt es an Gestaltungsvermögen. Zwar ist nicht zu verkennen, dass sich Charlie Watts Mühe gibt, einen kräftigen Rhythmus durchzuhalten, zwar gibt es bei verschiedenen Songs wenigstens teilweise interessante Gitarrensounds, aber das bleibt – eben weil die Songs „von Natur aus“ schon so schwachbrüstig sind – bei weitem zu wenig, um ein ganzes Doppelalbum zu füllen.
Insbesondere bei den Schnelleren, rockigeren Titeln fällt die erschreckende Substanzlosigkeit der Musik auf. In den langsameren Stücken, die mehr in Richtung des orthodoxen Blues liegen, gelingen den Stones bessere Leistungen, ohne, dass sie aber früheres Niveau erreichen. An Meisterwerke wie `Tell Me´, `No Expectations´ oder `Lady Jane´ darf man jedenfalls überhaupt nicht denken. Zum Ausgleich für all das verfallen die Stones in die Manie, mit aufgedrehten Verstärkern, schlampigen Arrangements (die wohl echt bluesig klingen sollen?) und hektischer Betriebsamkeit ihre Musik zu retten. Beim besten Willen hätten sie aus den besseren Songs auf diese Weise ein Album zusammelstelln können, um bis zur Fertigstellung neuer, besserer Werke nicht in Vergessenheit zu geraten. Aber ein Doppelalbum entlarvt ihre Krise überdeutlich und schadet viel mehr, als es nutzen könnte. War denn niemand da, der ihnen diesen Wahnsinns Plan ausreden konnte?"
